Der Gestaltungsbeirat der Stadt Bochum hat den Entwurf für das Wohnprojekt „Wohnen am Stadtpark" der Vivawest gelobt. Das Projekt rückt einen prominenten Standort direkt an eine der grünen Lungen der Stadt in den Fokus der wohnungswirtschaftlichen Entwicklung. Die Frage, was konkret geplant ist, wer dort einziehen soll und ob das Lob des Beirats auch die Nachbarschaft teilt, bleibt bislang weitgehend unbeantwortet.
Standort mit Symbolkraft: Wohnen direkt am Stadtpark
Der Stadtpark Bochum gilt als eine der wichtigsten innerstädtischen Grünflächen. Dass ein großes Wohnungsunternehmen wie Vivawest hier ein neues Projekt plant, signalisiert die wachsende Bedeutung innerstadtnaher Wohnlagen. Die Wohnungsbaugesellschaft mit Sitz in Essen verwaltet rund 120.000 Wohnungen im Ruhrgebiet und Rheinland und zählt zu den größten kommunalen Wohnungsanbietern Deutschlands.
Der Gestaltungsbeirat, der die Stadt Bochum bei stadtplanerisch relevanten Projekten berät, hat den vorgelegten Entwurf positiv bewertet. Konkrete Details zur Gebäudeanzahl, Wohnungszahl, Geschossigkeit oder architektonischen Besonderheiten liegen bislang nicht vor. Auch zur Zielgruppe – etwa geförderte Mietwohnungen, freifinanzierte Bestände oder gemischte Konzepte – fehlen offizielle Angaben.
Gestaltungsbeirat als Qualitätsfilter im Baugenehmigungsverfahren
Gestaltungsbeiräte sind in vielen Großstädten ein etabliertes Instrument, um die städtebauliche Qualität größerer Projekte zu sichern. Die Beiräte setzen sich in der Regel aus externen Architekten, Landschaftsplanern und Stadtplanern zusammen und bewerten Entwürfe unabhängig von kommunalpolitischen Interessen. Ein positives Votum ist zwar nicht bindend, erhöht aber die Wahrscheinlichkeit einer späteren Baugenehmigung und signalisiert der Öffentlichkeit eine gewisse planerische Qualität.
Dass Vivawest den Entwurf bereits dem Beirat vorgelegt hat, deutet darauf hin, dass das Projekt in einer frühen, aber schon konkretisierten Planungsphase steht. In der Regel folgen nach dem Beiratsvotum die formelle Bauleitplanung, gegebenenfalls Bürgerbeteiligungen und schließlich das Baugenehmigungsverfahren.
Wohnungsmarkt Bochum: Nachfrage übersteigt Angebot
Bochum steht wie viele Städte des Ruhrgebiets vor der Herausforderung, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, ohne dabei die städtische Verdichtung zu übertreiben. Die Stadt verzeichnet eine wachsende Bevölkerung, befeuert unter anderem durch die Ruhr-Universität und die Hochschule Bochum, die rund 60.000 Studierende anziehen. Gleichzeitig ist der Mietspiegel in den vergangenen Jahren gestiegen, wenn auch nicht so stark wie in Düsseldorf oder Köln.
Für kommunale Wohnungsunternehmen wie Vivawest ist die Herausforderung zweigeteilt: Einerseits sollen neue Bestände die Leerstandsquoten senken und die Nachfrage bedienen, andererseits muss der Neubau wirtschaftlich darstellbar sein. Die Baukosten sind seit 2021 um rund 20 bis 30 Prozent gestiegen, Zinsen für Baufinanzierungen haben sich verdoppelt. Das schränkt die Spielräume für günstige Mieten ein.
Ein Projekt direkt am Stadtpark könnte daher auch preislich im oberen Segment angesiedelt sein, sofern keine öffentliche Förderung greift. Ob Vivawest hier auf Sozialbindungen oder freifinanzierte Wohnungen setzt, ist bislang nicht bekannt. Andere große Wohnungsunternehmen wie Vonovia oder LEG Immobilien haben in vergleichbaren Lagen häufig gemischte Konzepte verfolgt, um sowohl städtische Vorgaben zu erfüllen als auch Renditen zu sichern.
Nachbarschaft und Öffentlichkeit: Akzeptanz noch offen
Die Frage, ob das Lob des Gestaltungsbeirats auch von der Nachbarschaft geteilt wird, lässt sich derzeit nicht beantworten. Bürgerbeteiligungen sind bei solchen Projekten üblich, aber erst zu einem späteren Zeitpunkt im Planungsverfahren vorgesehen. Erfahrungen aus anderen Großprojekten zeigen, dass insbesondere Themen wie Verkehrsbelastung, Parkplatzsituation, Verschattung und der Erhalt von Grünflächen kritisch diskutiert werden.
Gerade die Lage am Stadtpark birgt Konfliktpotenzial: Anwohner könnten eine zu starke Bebauung als Eingriff in die Naherholung empfinden, während die Stadt auf Nachverdichtung setzt, um Flächenversiegelung im Außenbereich zu vermeiden. Vivawest wird gut beraten sein, frühzeitig den Dialog zu suchen und transparente Informationen zu Baukörpern, Freiraumgestaltung und Verkehrserschließung bereitzustellen.
Einordnung: Vivawest als regionaler Akteur mit kommunalem Auftrag
Vivawest ist kein börsennotierter Konzern wie die Deutsche Wohnen, sondern ein kommunal verankertes Unternehmen. Der Gesellschafter ist die RAG-Stiftung, die wiederum aus der Umwandlung des ehemaligen Bergbaukonzerns RAG hervorgegangen ist. Das Unternehmen verfolgt einen sozialen Auftrag und ist nicht ausschließlich renditegetrieben. Gleichzeitig muss Vivawest wirtschaftlich operieren, um Neubauten und Bestandssanierungen finanzieren zu können.
Projekte wie „Wohnen am Stadtpark" zeigen, dass auch kommunale Anbieter zunehmend auf attraktive Innenstadtlagen setzen, um im Wettbewerb um Mieter bestehen zu können. Die Eigentumsquote in Bochum liegt unter dem Bundesdurchschnitt, was den Mietmarkt zusätzlich belastet. Jeder Neubau entlastet den Markt, sofern er tatsächlich bezahlbar bleibt.
Ausblick: Nächste Schritte im Planungsverfahren
Nach dem positiven Votum des Gestaltungsbeirats dürfte Vivawest nun die weitere Planung vorantreiben. Zu erwarten sind in den kommenden Monaten die Offenlegung detaillierter Baupläne, möglicherweise eine Vorstellung im Stadtplanungsausschuss und eine öffentliche Auslegung im Rahmen des Bebauungsplanverfahrens. Erst dann wird sich zeigen, ob das Projekt politisch und gesellschaftlich mitgetragen wird.
Für die Wohnungswirtschaft in Bochum und im Ruhrgebiet bleibt das Projekt „Wohnen am Stadtpark" ein Testfall: Kann ein großer kommunaler Anbieter in prominenter Lage Wohnraum schaffen, der sowohl gestalterisch überzeugt als auch sozial verträglich ist? Die Antwort wird nicht nur für Vivawest, sondern für die gesamte Branche von Interesse sein. Ähnliche Projekte wie die Expansion von Heimstaden in Berlin zeigen, dass der Druck auf attraktive Innenstadtlagen europaweit zunimmt.
